DAS ZUKUNFTSMODELL HEISST „ÖKOSOZIALE MARKTWIRTSCHAFT“

DAS ZUKUNFTSMODELL HEISST „ÖKOSOZIALE MARKTWIRTSCHAFT“

Pfaffenhofen (mh) Untergangsszenarien, wie sie Pessimisten immer wieder an die Wand malen, wischte Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher gleich zu Beginn seines Vortrags in der Pfaffenhofener Kulturhalle weg. Das Ende der Menschheit sieht der renommierte Wirtschafts-, Nachhaltigkeits- und Zukunftsexperte trotz bedrohlicher globaler Probleme wie Umwelt- und Klimabelastung, Ressourcenverbrauch und Verarmung in den Ländern der Dritten Welt nicht heraufziehen. Das Mitglied des Club of Rome warnte in seinem Vortrag bei ProWirtschaft aber vor einer drohenden „Brasilianisierung“ in den heute reichen Ländern. Diese ist nach Ansicht des 62-Jährigen nur mit einer „ökologisch-sozialen Marktwirtschaft“ und einer Art „Finanzausgleich zwischen den reichen und armen Ländern“ zu verhindern.

Mit seinen Ausführungen fesselte Professor Radermacher seine Zuhörer von der ersten bis zur letzten Minute. Und er forderte sie auch kräftig, denn sein Referat war gespickt mit Informationen, Visionen und kurzen philosophischen „Seitensprüngen“ – in freier Rede mit messerscharfer Logik und in rasantem Tempo vorgetragen.

 „Das war der beste Vortrag, den ich in den letzten Jahren gehört habe …“
Bürgermeister Thomas Herker

Ein dickes Lob aus berufenem Munde spendete der Pfaffenhofener Bürgermeister Thomas Herker. Der Rathauschef, dem es selbst nicht an rhetorischen Fähigkeiten mangelt, war am Ende genauso beeindruckt wie alle anderen Zuhörer. Doch schon zu Beginn hatte ProWirtschaft bei seiner zentralen Veranstaltung in diesem Jahr allen Grund zur Freude, was auch in den Begrüßungsworten des Vorsitzenden Franz Böhm zum Ausdruck kam: Mit 120 Besuchern und guter Medienpräsenz war das Interesse sehr groß. Damit hatte sich die intensive Vorarbeit gelohnt, wofür Böhm sich bei seinen Vorstandskollegen bedankte. Namentlich begrüßte er u. a. stellv. Landrat Anton Westner, die Bürgermeister Thomas Herker (Pfaffenhofen), Manfred Russer (Hohenwart), Martin Seitz (Gerolsbach) und Ludwig Wayand (Baar-Ebenhausen) sowie Bernd Huber, den Vorsitzenden des Wirtschaftsbeirats im Landkreis.

Sein besonderer Dank aber galt dem Neuen Kunstverein mit seinem Vorsitzenden Steffen Kopetzky, Kulturreferent der Stadt Pfaffenhofen, der die Kunsthalle für ProWirtschaft geöffnet hatte. Der „Hausherr“ seinerseits gab seiner Freude über die erstmalige Zusammenarbeit beider Vereine Ausdruck. Sein Wunsch, der Rahmen mit der Ausstellung „Berlin-Klondyke“ möge ein „inspirierendes Umfeld“ für die Veranstaltung sein, ging anschließend mehr als in Erfüllung. Dieter Andre, der stellvertretende Vorsitzende von ProWirtschaft, stellte Professor Radermacher nach einer kurzen Vorstellung des Referenten drei einleitende Fragen, die zum besseren Verständnis des Vortrags beitrugen: über den Club of Rome, die Global Marshall Plan Initiative und die Bildung für nachhaltige Entwicklung.

„Grenzen des Wachstums“ über 30 Millionen Mal verkauft

Der 1968 gegründete Club of Rome mit seinen derzeit 70 berufenen Mitgliedern (maximal können es 100 sein) hat sich die Sorge um bzw. die Verantwortung für die Zukunft der Menschheit auf die Fahnen geschrieben. Er setzt sich aus ausgesuchten Ökonomen, Industriellen, Wissenschaftlern und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammen. Berühmtheit habe der Club, so Professor Radermacher, durch das 1972 veröffentlichte und rund 30 Millionen Mal verkaufte Buch „Grenzen des Wachstums“ erlangt – ursprünglich ein Bericht an den Club of Rome. Im gleichen Jahr habe auch die Stockholmer Konferenz zur Zukunft der Welt stattgefunden. Das Jahr 2012 – 40 Jahre nach Stockholm – habe der Club of Rome zum Anlass genommen, einen neuen Report unter dem Titel „2052“ zu generieren, der seit wenigen Wochen in der deutschen Übersetzung vorliegt.

Der Club of Rome ist auch Mitinitiator der im Jahre 2004 gegründeten Global Marshall Plan Initiative. Sie geht – wie Professor Radermacher erläuterte – auf den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore zurück, der 1990 in seinem Buch „Wege zum Gleichgewicht“ erstmals die Idee von einem „Global Marshall Plan“ veröffentlichte. Der amerikanische Friedensnobel- und Oscar-Preisträger trete konsequent für Umweltschutz und die Überwindung der Armut ein.

„Wenigstens gibt es einen US-Spitzenpolitiker, bei dem die Richtung stimmt.“
Radermacher über den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore.

Der 62-jährige hob auch eines der Projekte hervor, die der Global Marshall Plan unterstützt: „Plant for the Planet“, eine vom damals neunjährigen Schüler Felix Finkbeiner aus der Nähe von Starnberg gegründete Initiative zur Wiederaufforstung und zum Klimaschutz, die sich zu einer weltweiten Bewegung entwickelt hat.

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Rund 120 Zuhörer verfolgten wie gebannt die Ausführungen des Referenten. Fotos: M. Hailer

In diesem Zusammenhang wies der Referent auch auf die Schilder in einer wachsenden Zahl von Hotels hin, auf denen zu lesen ist: „Pflanzen Sie Bäume, indem Sie Ihre Handtücher mehrfach benutzen.“ Das sei kein billiger Trick, sondern eine Aktion, die Unterstützung verdiene, denn in diesen Hotels fließe wirklich 1 Euro für jede Mehrfachnutzung der Handtücher in die Aufforstung. Eine ganz einfache Art, auf die jeder zum Klimaschutz beitragen könne.

Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ wurde erstmals 1992 auf der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung geprägt. Seither, so Professor Radermacher, werde er geradezu inflationär verwendet. Der 62-Jährige:

„Nachhaltige Entwicklung heißt, sich um Umwelt, Soziales und Ökonomie zugleich zu kümmern, und das sowohl in der reichen wie auch in der armen Welt.“

Vielleicht nicht die Quadratur des Kreises, zumindest aber eine überaus komplexe Thematik, wie Radermacher erklärte. Deshalb spiele die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ bei der jungen Generation eine zentrale Rolle.

Ganz kurz riss Professor Radermacher in diesem Zusammenhang das Thema Werte an. Seine Position: „Wir haben überhaupt kein Werteproblem“ – zumindest auf der Ebene der Werte selbst. Werte wie Menschenwürde und Umweltschutz seien allgemein anerkannt, das Problem liege woanders: „Sich unter den konkreten Bedingungen des konkreten Lebens“ auch wirklich so zu verhalten, wie man sich verhalten will. Eine gute Überleitung zum eigentlichen Vortrag, der unter dem Thema „Die Zukunft sichern – Herausforderungen für Unternehmen, Wirtschaft, Politik, öffentliche Institutionen und Gesellschaft“ stand.

Menschen in den Slums sehen glücklicher aus als die Deutschen

Bereits mit seinen ersten Sätzen distanzierte sich Professor Radermacher von allen „Prophezeiungen“, dass die Welt untergehen oder ins Mittelalter zurückfallen werde: „Das ist nicht die Diskussionsebene“. Wenn man von der Zukunft spreche, laute die Frage eher, „auf welchem Niveau wir uns bewegen werden.“ Deutschland befinde sich heute in einer zivilisatorischen Spitzensituation, habe also mit am meisten zu verlieren. Hoher Wohlstand sei jedoch keineswegs gleichbedeutend mit Zufriedenheit und Glücksgefühl: „In den Slums laufen Leute herum, die viel glücklicher aussehen als die Deutschen.“ Die Glücksforschung zeige, dass die Menschen in ärmeren Ländern, in denen es Jahr für Jahr ein wenig besser gehe, besonders glücklich sind. Bei uns Deutschen dagegen, so der 62-Jährige, überwiege die Sorge, „ob wir das Niveau halten können“.

In der Tat stehe man vor schwerwiegenden globalen Problemen – und das trotz eines enormen technischen und technologischen Fortschritts auf allen Ebenen. In der IT verdopple sich die Rechnerleistung beispielsweise alle zwei Jahre, in 20 Jahren bedeute dies eine Steigerung von zwei hoch zehn. Professor Radermacher: „In einem Smartphone befindet sich heute ein Chip, der ein paar tausend Mal so leistungsstark ist wie der Großrechner der Apollo-Mission …“ Die moderne Kommunikationstechnologie habe auch eine „massive Dynamik“ in den ärmeren Ländern ausgelöst, die früher – als sie nichts anderes gekannt haben – mit wenig zufriedener waren, jetzt aber mehr wollen.

Professor Radermacher wies auch auf die gefährlichen Schattenseiten des Innovationswettlaufs hin. Verantwortlich dafür ist der so genannte „Bumerang-Effekt“, der die positiven Effekte technischen Fortschritts für Mensch und Umwelt oft ins Gegenteil verkehre. Das Mitglied des Club of Rome:

„Wir treiben uns wie die Verrückten immer weiter an, um noch eins drauf zu setzen. Wir siegen uns zu Tode. So werden die Ressourcen- und Umweltbelastungen pro Wertschöpfungseinheit zwar gesenkt, doch gleichzeitig wächst die Zahl der Einheiten schneller als pro Einheit Absenkungen erreicht werden.“

Das heißt unter dem Strich: Trotz besserer Technik werden immer mehr Ressourcen verbraucht und immer mehr Umweltbelastungen produziert.

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ProWirtschaft-Vorsitzender Franz Böhm (links) und sein Vize Dieter Andre (rechts) im Gespräch mit Professor Radermacher (Mitte).

Als „unerträglich“ bezeichnete es Professor Radermacher, „dass auf der Welt jeden Tag 24.000 Menschen verhungern“. Das habe nichts damit zu tun, dass die Menge der produzierten Nahrungsmittel nicht reichen würde, „sondern nur mit der Kaufkraftverteilung“. Bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen würde heute Nahrung für 13 Milliarden Menschen erzeugt. Etwa die Hälfte davon diene aber nicht der Ernährung der Menschen, sondern würde in Tiere zur Produktion von Fleisch und Milch gesteckt. Das Gesamtgewicht der Fleischtiere entspreche dabei dem viereinhalbfachen Gewicht aller Menschen zusammen. Und in den armen Ländern verhungern die Menschen … „Wir müssen die Kaufkraftparitäten verändern“, forderte der Referent deshalb.

Der 62-Jährige stellte schließlich die Frage in den Raum: Was passiert in den Nächsten 40 Jahren? Das ist auch der Zeitraum, mit dem sich der neue Report des Club of Rome auseinandersetzt. Radermacher:

„Man kann alle Probleme auch dadurch lösen, dass es allen Menschen deutlich schlechter geht als heute – zumindest denen in den reicheren Ländern. Das versteht man unter der Brasilianisierung der Welt. Das heißt: einen kollektiven Rückfall auf das Niveau der Dritten Welt und Armutsszenarien, wie man sie in der Vergangenheit nur aus deren Ländern kannte.“

20 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa seien doch schon mal ein guter Anfang, meinte der Referent ironisch. Trotz allem bleibt Professor Radermacher aber Optimist und hat noch Hoffnung für die Welt – sofern es gelinge, globale Strukturen zur Lösung der Probleme zu schaffen. Dazu gehöre auch eine Art Finanzausgleich zwischen den Ländern nach deutschem Vorbild – ein manchmal gescholtenes, nach Ansicht des Referenten aber richtungsweisendes Zukunftsmodell. „Wir brauchen eine soziale Marktwirtschaft mit besonderer Verantwortung für die Umwelt“, forderte er. Dabei handelt es sich um alles andere als eine neue Erfindung, „sondern die normale Struktur in Europa“. Allerdings räumte der 62-Jährige ein: „Das ist global schwer durchzusetzen.“

Die Welt steht am Scheideweg: Radermacher hat Hoffnung

Entweder ökosoziale Marktwirtschaft oder Brasilianisierung: Nach Ansicht von Professor Radermacher steht die Welt am Scheideweg. Er sieht aber auch gute Ansätze, dass die Reise in die richtige Richtung gehen könnte: zum Beispiel ein neues Vollbeschäftigungsgesetz auf dem Land in Indien oder das Programm Bolsa Familie in Brasilien, bei dem bedürftige Familien Nahrungsmittelpakete unter der Bedingung erhalten, dass Eltern ihre Kinder in die Schule schicken und impfen lassen. Projekte, die vom Club of Rome unterstützt werden – ebenso wie das bereits eingangs erwähnte „Plant for the Planet“.

Womit Professor Radermacher beim Thema Klima- und Umweltschutz angekommen war. Nur mit einer weltweiten Allianz sei das so genannte „Zwei-Grad-Ziel“ der internationalen Klimapolitik zu erreichen. Das heißt: eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf weniger als zwei Grad gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung. Derzeit, so Radermacher, nähere man sich bei den Kohlendioxid-Emissionen 35 Milliarden Tonnen pro Jahr. Der Löwenanteil entfalle auf China und Indien, während der deutsche Anteil „verschwindend gering“ sei.

Im Interesse des Klimaschutzes sprach sich der Referent (in Einklang mit den Forderungen des Club of Rome) für eine weltweite Aufforstung und ein verbessertes Grünland-Management aus. „Plant for the Planet“ habe sich zum Ziel gesetzt, eine Fläche von einer Milliarde Hektar mit Bäumen zu bepflanzen. Das entspricht „ganz Europa bis zum Ural“, veranschaulichte Professor Radermacher. Keine Utopie, denn weltweit könne eine Fläche in dieser Größenordnung ohne Konkurrenz zu anderer Nutzung bewaldet werden. Wenn dies gelinge, könnten der Atmosphäre „mehrere 100 Milliarden Tonnen Kohlendioxid wie mit einem Staubsauger entzogen werden“. Und gleichzeitig stehe genügend Biomasse zur Verfügung, „dass nichts mehr abgeholzt werden muss“.

Ökonomisch überleben und aus dieser Position heraus das Richtige tun

Bei allen Maßnahmen zum Klimaschutz stelle sich natürlich die Frage, wer das bezahlt. Positiv sieht Professor Dr. Radermacher in diesem Zusammenhang den „Reputationsdruck“, unter dem die großen Unternehmen heute stehen. Immer mehr von ihnen arbeiteten deshalb daran, „klimaneutral zu werden“. Andere gut gemeinte Ansätze dagegen sieht der Wirtschafts- und Entwicklungsexperte kritisch – so z. B. überambitionierte – weil zu schnell und zu teuer erkaufte – klimatechnische Gebäudesanierungen in Deutschland. Eine großflächige Aufforstung käme unter dem Strich viel billiger und sei letztlich wirksamer.

Zum Ende seines Vortrags untermauerte Professor Dr. Radermacher noch einmal seine Forderung nach einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Man dürfe hierbei nicht national denken, sondern europaweit und global. Doch was soll man tun, wenn es doch zur „Brasilianisierung“ kommt? „Zu den fünf Prozent gehören, die den Wohlstand halten“, so die Empfehlung des 62-Jährigen. Was sich zunächst vielleicht wie Sarkasmus anhörte, meinte der Referent ganz ernst. Er empfahl den Anwesenden eine „Doppelstrategie“: ökonomisch überleben und aus dieser Position heraus das Richtige tun. Zumindest aber ständig zu kommunizieren, was richtig und was falsch ist – selbst wenn man aufgrund der allgemeinen Umstände vielleicht gezwungen sei, das Falsche zu tun. „Wenn dann doch alles schief läuft, ist man wenigstens bei den fünf Prozent dabei …“

Nachhaltigkeit bedeute letztlich nichts anderes, als globale Regeln durchzusetzen, „die verhindern, dass es zur Brasilianisierung kommt“. Und Professor Radermacher setzt auch auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung: „Große Veränderungen passieren immer über Ideen, die man in die Gehirne pflanzt …“ Er selbst füllte die Gehirne seiner Zuhörer an diesem Abend mit einer Riesenmenge an Denkanstößen und erntete dafür lange anhaltenden Applaus. Angeregte Diskussionen – zunächst mit ein paar öffentlichen Fragen und dann im kleinen Kreis bei der Bewirtung durch ProWirtschaft – schlossen sich an.

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