GENERATIONENGERECHTIGKEIT WIRFT VIELE FRAGEN UND PROBLEME AUF

GENERATIONENGERECHTIGKEIT WIRFT VIELE FRAGEN UND PROBLEME AUF

Pfaffenhofen (mh) Es ist neben ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten auch eine philosophische und ethische Frage: In welcher Verfassung dürfen oder müssen wir unsere Erde – schließlich haben wir nur die eine – kommenden Generationen hinterlassen? Um die oft geforderte Generationengerechtigkeit drehte sich der 3. Diskussionsabend von ProWirtschaft Pfaffenhofen. Doch lässt sie sich überhaupt realisieren und wenn ja, unter welchen Opfern? In welche Zwickmühlen das Bemühen um Generationengerechtigkeit führt und welche Folgeprobleme aus der Rücksichtnahme auf künftige Generationen entstehen, erläuterte Dieter Andre in seinem Einführungsvortrag. Oder anders ausgedrückt: die Dilemmata der Generationengerechtigkeit.

Schwere Kost im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung also, die der stellvertretende ProWirtschaft-Vorsitzende als Moderator des Abends aber wie immer gut verdaulich servierte. Dazu trug auch wieder die angenehme Atmosphäre in den Räumen des meisterWERK bei, wo die Gesprächsrunde auf Einladung von Life Basics (Waltraud M. Braun, Hans-Albert Dralle) zum zweiten Mal hintereinander zu Gast sein durfte und sich dafür mit einem Extraapplaus bedankte.

Den theoretischen Input für die folgende Diskussion gab Dieter Andre den 15 Teilnehmern mit einem kurzen Grundlagenreferat, abgeleitet aus den Lehrinhalten der Virtuellen Akademie Nachhaltigkeit von Prof. Dr. Gerd De Haan, Freie Universität Berlin (Institut Futur). Einleitend rief Andre kurz die Kernaussagen vom 2. Diskussionsabend in Erinnerung. Zum Beispiel das Dreieck der Nachhaltigkeit mit den Schenkeln Ökonomie, Ökologie, Soziales oder das alternative Kreismodell, das Prof. Gerd de Haan entgegensetzt und bei dem über allem die Kultur steht. Schließlich werden die Interessen und das Handeln der Menschen zu einem beträchtlichen Teil davon bestimmt, welchem Kulturkreis sie angehören.

Schwach, stark, kritisch: Die drei Arten der Nachhaltigkeit

Dieter Andre griff auch noch einmal die drei Arten der Nachhaltigkeit auf. Die schwache Nachhaltigkeit geht von der Annahme aus, dass Sach- und Naturkapital komplett ersetzbar sind und wir bedenkenlos so weiterleben können wie bisher. Die starke Nachhaltigkeit ist verbunden mit einer drastischen Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, um das Naturkapital konstant zu halten. Die kritische Nachhaltigkeit schließlich beruht auf Einschränkungen beim Rohstoffverbrauch und dem Vorantreiben von Innovationen. Schon im sogenannten „Brundtland-Bericht“ der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung von 1987 wird ein Konzept gefordert, „das die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können“.

Weiter zitierte Vorstandsvize Dieter Andre eine gemeinsame Resolution von BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.) und von Misereor im Jahre 1996 im Rahmen des Projekts „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“, in der es unter anderem heißt:

„ … Zukunftsfähigkeit ist ein normatives Konzept und erfordert mindestens ein Werturteil. Warum sollte man künftigen Generationen die Möglichkeit zu einer eigenständigen Gestaltung ihres Lebens geben? Es ist eine ethische Entscheidung, gleiche Lebenschancen für künftige Generationen zu befürworten …“

Es geht also zunächst einmal darum, für sich persönlich und für die Gesellschaft ein Werturteil zu finden, das freilich auch ganz anders als bei BUND/Misereor ausfallen kann. Selbst ein „nach mir die Sintflut“ wäre in diesem Kontext ein Werturteil, wie Dieter Andre erklärte. Dabei gilt es laut dem stellvertretenden PW-Vorsitzenden zu unterscheiden zwischen den Lebenschancen heute lebender (intragenerationelle Gerechtigkeit) und zukünftiger Generationen (intergenerationelle Gerechtigkeit).

Folgeprobleme durch Rücksichtnahme: Dilemmata der Generationengerchtigkeit

Wie Umfragen belegen, machen sich die Menschen in Deutschland große Sorgen um künftige Generationen: So liegt die Zustimmung für das Statement „Es beunruhigt mich, wenn ich daran denke, unter welchen Umweltverhältnissen unsere Kinder und Enkelkinder wahrscheinlich leben müssen“ laut Bundesumweltministerium bei 75 %. Die zentrale Frage bei allen Überlegungen formulierte Dieter Andre so: „Welche moralische Verpflichtung haben wir gegenüber zukünftig Lebenden?“ Und wie verhalten sich der Einzelne als Individuum, aber auch Politik und Wirtschaft? „Es bedarf einer Ethik der gerechten Gemeinschaft“, zitierte Dieter Andre eine Forderung von Prof. Gerd de Haan. Die Umsetzung stößt nach Ansicht des Zukunfts- und Bildungswissenschaftlers derzeit aber auf unüberwindliche Hürden: „Die Gerechtigkeitskonzepte sind nicht konsensfähig.“ Und sie werfen erhebliche Folgeprobleme auf: die „Dilemmata der Generationengerechtigkeit“.

Da ist zunächst einmal das „Zeugungsdilemma“ mit der zentralen Frage: „Müssen wir die Zeugung von Nachwuchs auf diesem Planeten beschränken, weil die Ressourcen knapp sind.“ Schon jetzt bei einer Weltbevölkerung von rund 7 Milliarden Menschen und bei Prognosen von knapp 9 Mrd. bis 2050. Das Dilemma: Wer das Glück und die Rechte noch nicht gezeugter oder ungeborener Menschen nicht beschneiden will, muss jede Art von Geburtenkontrolle ablehnen – und damit, wie Dieter Andre ausführte, ein weiteres Wachstum der Weltbevölkerung und einen weiter steigenden Ressourcenverbrauch in Kauf nehmen.

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ProWirtschaft-Vize Dieter Andre bei seinen Ausführungen. Fotos: M. Hailer

Eine Argumentation, die in China keine Rolle spielt: Dort hat das Regime der Bevölkerung die Geburtenkontrolle einfach verordnet. Auch der Club of Rome hat laut Andre kürzlich festgestellt, dass sich die Ziele der Nachhaltigkeit in Diktaturen – zumindest zum Teil – offensichtlich leichter durchsetzen lassen.

Problemfeld Nummer 2 ist das „Repressionsdilemma“ (Einschränkungsdilemma). Die These von Prof. de Haan:

„Wer für intergenerationelle Verteilungsgleichheit eintritt, erzeugt ein Repressionsdilemma für die heute lebenden Generationen, das keiner plausiblen Lösung zugeführt werden kann.“

Große Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung der Generationengerechtigkeit sieht de Haan allein schon deshalb, weil man die Bedürfnisse der noch ungeborenen Menschen nicht wirklich kennt und nur die sich überlappenden Generationen miteinander kommunizieren können. Vor allem stellt sich die Frage, wie viel eine Generation von den begrenzten Ressourcen verbrauchen darf. Das Dilemma dabei: „Je mehr zukünftige Generationen berücksichtigt werden, desto mehr Repressionen sind die heute lebenden Generationen ausgesetzt.“

Die Berücksichtigung künftiger Generationen bei der Ressourcennutzung führt außerdem, wie Dieter Andre erläuterte, zu einem „akuten Wachstumsdilemma“. Die Rücksichtnahme auf künftige Generationen läuft unter den derzeitigen Bedingungen nämlich immer auf eine Weniger-ist-mehr-Argumentation hinaus. Aber: Damit wird das Niveau der Kapitalakkumulation erheblich unter das Maß des Möglichen gedrückt und es fehlt in der Folge an Geld für Wohlfahrt, Entwicklungszusammenarbeit, Technikforschung usw. Ein Teufelskreis, denn unter dem Strich würde das weniger für alle bedeuten – inter- wie intragenerationell.

Bleibt noch das „Fortschrittsdilemma“ mit folgender These: „Wer im Namen künftiger Generationen den heute Lebenden starke Beschränkungen auferlegt, unterstellt künftigen Generationen, keine wissenschaftlich-technischen sowie sozialen Fortschritte mehr machen zu können“. Oder er verhält sich – wenn er Fortschritte für wahrscheinlich erachtet – gegenüber den heute lebenden Menschen ungerecht und schafft Nachteile für sie. Der Blick in die Geschichte zeigt laut Prof. de Haan, dass künftige Generationen in aller Regel – zumindest potenziell – bessere Lebensbedingungen und eine höhere Lebensqualität vorgefunden und geschaffen haben als die vorhergehenden. De Haan: „Das spricht für die Aufnahme eines gesicherten Kredits von den künftigen Generationen“. Und hier schließt sich, wie Dieter Andre anmerkte, der Kreis zur schwachen Nachhaltigkeit.

Spannender Gedankengang: Das „Primat der intragenerationellen Gerechtigkeit“

Die Schlussfolgerung aus den Thesen von de Haan ist eine Präferenz der Gegenwart gegenüber der Zukunft:

„Es ist gerechter, ein reduziertes Engagement gegenüber künftigen, ungezeugten Generationen zu zeigen und sich auf die Gerechtigkeit zwischen den derzeit lebenden Menschen zu konzentrieren.“

De Haan spricht auch vom „Primat der intragenerationellen Gerechtigkeit“ – für Dieter Andre ein besonders „spannender Gedankengang“ und genau der richtige Aufhänger für die folgende angeregte Diskussion.

Bildung, Werterziehung und Konsumverhalten waren die Schlüsselbegriffe dafür, wie jeder Einzelne das Wissen um die Begrenztheit der Ressourcen in seinem Leben umsetzen und an die folgende Generation weitergeben kann. Jeder müsse sich die Frage stellen „Was kann ich in meinem persönlichen Leben und auch in meiner Firma bewirken und transportieren“ und zu Veränderungen bereit sein. Nur von unten könne sich „eine Welle aufbauen“. In diesem Zusammenhang kam gemäß dem De-Haan-Modell noch einmal ein Umstand zur Sprache, der einen weltweiten Nachhaltigkeitskonsens schwierig bis unmöglich macht: die unterschiedlichen Werthaltungen in den verschiedenen Kulturen.

Moderator Dieter Andre brachte einen weiteren Aspekt in die Diskussion: Deutschland würde zwar in der Ökobilanz gut dastehen, lasse aber in China produzieren bzw. kaufe Produkte von dort und unterstütze damit aus Sicht des Natur- und Umweltschutzes die „Dreckschleudern“. Dies bezeichnete der stellvertretende PW-Vorsitzende als eine der Nachhaltigkeit widersprechende „Doppelmoral“ – ebenfalls eine Frage von Werten und Ethik.

Wirtschafts- und gesellschaftspolitische Diskusion erforderlich

Einige Diskussionsteilnehmer wünschen sich in diesem Zusammenhang von der Politik zum Beispiel eine verpflichtende Made-in-Angabe bei Kleidung. Gerade hier sei die Herkunft im Gegensatz zu Lebensmitteln „sehr wenig transparent“, selbst bei bekannten Marken. Freilich gibt es auch hier eine Kehrseite der Medaille, wenn ein entsprechendes Etikett dazu führt, dass z. B. deutlich weniger in Asien produzierte Textilien gekauft werden: „Was passiert dann mit der Näherin in Bangladesch?“, gab ein Anwesender zu bedenken. Auch wenn ihr Lohn niedrig sei, könne sie doch wenigstens ihre Familie davon einigermaßen ernähren.

Das Arbeitsplatzproblem kann sich aber selbst in Deutschland stellen: Unser Wirtschaftssystem sei nun einmal auf Wachstum ausgerichtet, meinte ein Anwesender. Wenn man nun die Produktion aus Gründen der Nachhaltigkeit drossle, bedeute das auch einen Arbeitsplatzverlust für viele Menschen. Eine Diskussionsteilnehmerin bemängelte an dieser Stelle, dass sich die ganze Nachhaltigkeitsdiskussion nur um das heutige Wirtschaftsgefüge drehe und Wohlstand noch immer mit Konsum gleichgesetzt werde. Vielleicht aber müsse man in Richtung neuer Wirtschaftssysteme denken. Neben der wirtschaftspolitischen Diskussion müsse außerdem eine gesellschaftspolitische in Gang kommen.

Erneut ein hochkarätiger Referent: Näheres im nächsten Newsletter

Einige Anwesende wünschten sich am Ende der Diskussion von ProWirtschaft als Organisation noch mehr konkrete Aufklärung und Aktionen bzw. Handlungsempfehlungen für Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit. Der stellvertretende Vorsitzender Dieter Andre und Vorstandsmitglied Martin Bornemann teilten mit, dass konkrete Maßnahmen bereits in der Pipeline sind. Sie baten aber noch um etwas Geduld bis zum endgültigen Abschluss der Diskussionen in den Gremien. Andre verriet weiter, dass es ProWirtschaft gelungen ist, für Herbst 2013 einen weiteren hochkarätigen Nachhaltigkeitsexperten als Referent zu verpflichten. Nähere Informationen erhalten die Mitglieder mit dem nächsten Newsletter nach der Beiratssitzung am 11. Juli. Als Termine für die beiden weiteren Diskussionsabende in diesem Jahr wurden der 26. September und der 28. November festgesetzt.