KEINE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG OHNE MENTALEN WANDEL

KEINE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG OHNE MENTALEN WANDEL

Pfaffenhofen (mh) Immer weitere Kreise in der öffentlichen Wahrnehmung ziehen die Diskussionsabende von ProWirtschaft Pfaffenhofen im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Das belegt auch die Anwesenheit eines besonderen Gastes beim zweiten Gesprächsabend in diesem Jahr. Zu ihrer großen Freude konnten der Initiator und Moderator der Diskussionsrunden, Dieter Andre (Bild oben links) und ProWirtschaft-Chef Franz Böhm (rechts), den Leiter des Referats Umweltbildung/Bildung für nachhaltige Entwicklung der Bayerischen Staatsregierung, Dr. Rudolf Kibler (Mitte), begrüßen.

Noch mehr bestätigt fühlen durfte sich der stellvertretende PW-Vorsitzende Andre als engagierter Verfechter des Nachhaltigkeitsgedankens durch die lobenden Worte von Dr. Kibler, der in Pfaffenhofen wohnt und durch eine Zeitungsnotiz auf die Diskussionsabende aufmerksam geworden war. Dr. Kibler :

„Ich freue mich sehr, dass sich eine Organisation wie ProWirtschaft dieses Themas vor Ort annimmt. Global denken, lokal handeln – so lautet einer der Leitsätze der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wir müssen den Nachhaltigkeitsgedanken in die Köpfe und Herzen der Menschen bringen“.

Kurz stellte Dr. Kibler sein Referat vor, an dessen Spitze er seit 2009 steht und das verschiedene Projekte im außerschulischen Bildungsbereich fördert. Wolle man die Arbeit mit einem griffigen Schlagwort umschreiben, dann heiße das: „Fit machen für die Zukunft.“ ProWirtschaft-Vorsitzender Franz Böhm vernahm mit großem Interesse, dass es für Projekte im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung öffentliche Fördergelder gibt. Darüber werde man sich noch einmal gesondert unterhalten, kündigte er an. Wenn man in Sachen nachhaltiger Entwicklung etwas bewegen wolle, so Böhm, brauche man „einen langen Atem“ – und natürlich auch eine entsprechende finanzielle Basis.

Auch künftige Generationen sollen ihre Bedürfnisse befriedigen können

Die Diskussion fand diesmal auf Einladung von ProWirtschaft-Mitglied Life Basics (Waltraud M. Braun, Hans-Albert Dralle) beim meisterWERK Pfaffenhofen (Michael-Weingartner-Straße 3, unterhalb der Ilmtalklinik) statt. Hans-Albert Dralle begrüßte die insgesamt 13 Teilnehmer in den schönen Gemeinschaftsräumen einer Gruppe von örtlichen Handwerksunternehmen. Nach der üblichen Vorstellungsrunde der Anwesenden hielt Moderator Dieter Andre einen kurzen Einführungsvortrag – basierend auf den Lerninhalten der Virtuellen Akademie Nachhaltigkeit von Prof. Dr. Gerd de Haan, Freie Universität Berlin (Institut Futur).

Der „fachliche Input“ steht seit diesem Jahr am Beginn der Gesprächsabende von ProWirtschaft. Dieter Andre spannte noch einmal kurz den geschichtlichen Bogen des Nachhaltigkeitsgedankens, beginnend 1972. Damals stand die UN-Umweltkonferenz in Stockholm unter dem Motto „Ecodevelopment“ und erschien der schockierende Bericht des „Club of Rome“ zur Lage und Zukunft der Menschheit unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows & Meadows). Der so genannte Brundtland-Bericht von 1987 forderte dann für die globale Entwicklung ein „Konzept, das die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können“.

Eine weiterer Meilenstein war die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro, bei der 178 Staaten die Agenda 21 unterschrieben haben – ein 359-seitiges Leitpapier mit entwicklungs- und umweltpolitischen Handlungsrichtlinien. Dahinter steht eine zentrale Erkenntnis des „Club of Rome“, auf die auch Professor Dr. Dr. Franz Josef Radermacher im vergangenen Jahr bei seinem Vortrag in Pfaffenhofen (auf Einladung von ProWirtschaft) hingewiesen hat: Wenn alle Menschen auf der Erde nach unserem Standard leben würden, hätten wir Ressourcen für 1,2 Milliarden Menschen – bei einer aktuellen Weltbevölkerung von rund 7 Milliarden.

Mit Horrorszenarien sind Menschen nicht zum Umdenken zu bewegen

Seit den Konferenzen von Stockholm und Rio sind 40 bzw. 20 Jahre vergangen, doch die Bilanz des im Sinne der Nachhaltigkeit Erreichten sei unter dem Strich enttäuschend. Deshalb habe man sich auf den Folgekonferenzen Rio+10 und Rio+20 die Frage gestellt: „Was haben wir falsch gemacht“. Es habe sich gezeigt, so der stellvertretende PW-Vorsitzende Dieter Andre, dass Horrorszenarien wie im Bericht des „Club of Rome“ von 1972 die Menschen offensichtlich zu keiner Änderung ihres Verhaltens bewegen können.

Vielmehr spiele die Bildung und die bessere Befähigung der Menschen, sich mit Umwelt- und Entwicklungsfragen auseinanderzusetzen, eine zentrale Rolle – und dieser Erkenntnis werde mittlerweile auch mit den Anstrengungen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung Rechnung getragen. Referatsleiter Dr. Rudolf Kibler sagte es mit anderen Worten – nach dem chinesischen Philosophen Konfuzius, der schon vor über 2000 Jahren erkannte:

„Erkläre mir und ich werde vergessen, zeige mir und ich werde mich erinnern, beteilige mich und ich werde begreifen.“

Die Einbeziehung und Beteiligung der Menschen vor Ort in den Nachhaltigkeitsprozess ist genau die Absicht von ProWirtschaft mit den Diskussionsabenden und den Inhalten, die dabei vermittelt werden.

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Der Leiter der Diskussionsabende, Dieter Andre, bei seinem Einführungsvortrag. Fotos: M. Hailer

Dieter Andre ging weiter auf die Leitlinien der Nachhaltigkeit ein: globale Gerechtigkeit, dauerhafte Umweltverträglichkeit und zukunftsfähige wirtschaftliche Entwicklung. Sie bilden auch das „Dreieck der Nachhaltigkeit mit den Schenkeln Soziales, Ökologie, Ökonomie und den Problemfeldern Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und Ressourcenverbrauch. Das alles vor dem Hintergrund einer auf die zehn Milliarden Menschen zusteuernden Weltbevölkerung und der Erkenntnis, dass immer mehr Wirtschaftswachstum die Menschen nicht glücklicher macht.

Für sehr interessant hält Andre in diesem Zusammenhang ein von Prof. de Haan entwickeltes Alternativmodell zum Nachhaltigkeits-Dreieck. Hier ist die Umwelt als Kreis dargestellt, dem man nicht entkommen kann. Den nächsten inneren Kreis bildet das soziale Umfeld und ganz in der Mitte befindet sich die Ökonomie. Doch als übergeordnete Ebene hat er die Kultur definiert, denn das Handeln der Menschen wird zu einem beträchtlichen Teil davon bestimmt, welchem Kulturkreis sie angehören.

Zum Schluss seines Vortrags und als Einstieg in die Diskussion riss Andre noch das „Problem der Substituierbarkeit“ (Ersetzbarkeit) auf Grundlage folgender These an:

„Nachhaltiges Wirtschaften heißt: Eine generationenübergreifende Gerechtigkeit ist dann erreicht, wenn Sach- und Naturkapital weitergegeben wird.“

Daraus leiten sich drei mögliche Formen der Nachhaltigkeit ab: die schwache (Sach- und Naturkapital sind komplett substituierbar), die starke (das Naturkapital muss konstant bleiben) und die kritische (Natur- und Sachkapital sind begrenzt füreinander substituierbar). Und noch eine These stellte er in den Raum: „Nachhaltige Entwicklung ist ohne mentalen Wandel nicht zu haben.“

Hauptproblem liegt nicht mehr in Europa und den USA

Ein Gedanke, der bei der anschließenden Diskussion mit ins Zentrum rückte. Momentan sei bei uns noch „die Generation haben wollen“ in der führenden Position und alles auf Konsum ausgerichtet, meinten mehrere Diskussionsteilnehmer. Mit fatalen Folgen: Im Nordpazifik schwimme beispielsweise Plastikmüll herum, der eine Fläche etwa in der Größe Europas bedecke: „Wir verseuchen uns total“, warnte einer der Anwesenden. Das Hauptproblem liege heute aber nicht mehr in Europa oder den USA, sondern in China (mit seinen drei Milliarden Menschen), wo man sich für Nachhaltigkeit überhaupt nicht interessiere.

Eine wichtige Rolle spiele bei der ganzen Diskussion über Nachhaltigkeit das Auto bzw. die Mobilität. Hier müsste ein großes Umdenken erfolgen – sowohl bei den Verbrauchern wie auch bei der Automobilindustrie (Stichwort Elektroantrieb oder andere Alternativen zu Benzin- und Dieselmotoren). Eine Bewusstseinsänderung müsse es aber auch in anderen Bereichen geben. Wenn beispielsweise eine Jeans zehn Euro koste, müsse man sich fragen, wie das überhaupt geht. „Da hängt Blut dran“ und ausbeuterische Kinderarbeit, formulierte es ein Diskussionsteilnehmer drastisch und forderte: „Diese Zusammenhänge muss man herstellen …“

Trotz dieser und anderer Negativaspekte sahen die meisten Diskussionsteilnehmer positive Anzeichen für eine Bewusstseinsänderung – zumindest in Europa. Wie in Dänemark, wo fast keine Familie mehr zwei Autos besitze, sondern eines und ein Transportfahrrad. Auch bei uns beginne das Auto seine Rolle als Statussymbol zu verlieren und auf der anderen Seite die Geiz-ist-geil-Mentalität langsam zu kippen. Bei der heutigen Jugend zähle das „haben wollen“ immer weniger, meint ein Diskussionsteilnehmer beobachtet zu haben. Um diesen Prozess mit dem Ziel des aufgeklärten Verbrauchers weiter zu stärken, müsse man Bewusstseinsbildung von allen Seiten betreiben.

Sozialer Aspekt darf bei „Luxusdiskussion“ nicht vergessen werden

Zwischenfazit: Der mentale Wandel ist im Gange und wird weiter an Fahrt aufnehmen je mehr sich die Erkenntnis durchsetzt, dass hier jeder bei sich selbst anfangen muss und sofort etwas im Sinne der Nachhaltigkeit tun kann. Was jeder Einzelne hier leisten will, ist letztlich auch eine Frage von Werthaltungen und Wertschätzungen.

In diesem Zusammenhang wiesen mehrere Diskussionsteilnehmer auf ein großes ABER hin: den sozialen Aspekt. Bei der „Luxusdiskussion“, die hier geführt werde, dürfe man nicht vergessen, dass es sich viele Menschen aus rein finanziellen Gründen nicht leisten können, beispielsweise in Bioläden einzukaufen oder viel Geld für eine Jeans auszugeben. Man müsse immer daran denken, dass in München etwa zehn Prozent der Menschen unter Hartz-IV-Niveau leben: „Da geht es ums nackte Überleben.“

Die Konsequenz daraus: Man müsse dafür sorgen, dass alle Menschen die Mittel zur Verfügung haben, um den Nachhaltigkeitsgedanken im täglichen Leben umzusetzen. Und man müsse allen Menschen den Zugang zur Bildung für nachhaltige Entwicklung ermöglichen, auch den sozial Schwachen.

Zum Schluss der Diskussion gab ProWirtschaft-Chef Franz Böhm seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Nachhaltigkeits-Diskussionen in absehbarer Zeit nicht mehr nur auf der theoretischen Ebene verharren, sondern in konkrete Projekte für lokales Handeln münden. Auch Dieter Andre räumte ein, dass man mit konkreten Maßnahmen natürlich noch mehr Aufmerksamkeit erzielen könne. Solche seien bereits in Vorbereitung, doch sei es noch zu früh, um Details bekanntzugeben.

Als Termin für den dritten Diskussionsabend 2013 wurde Donnerstag, 4. Juli, um 19.30 Uhr festgelegt. Die Anwesenden freuten sich, dass ProWirtschaft erneut in den Räumen des meisterWERK zu Gast sein darf. Dabei wird dann – anknüpfend an den zweiten Gesprächsabend – die Generationengerechtigkeit im Mittelpunkt stehen.