NACHHALTIGKEIT UND DIE JUNGE GENERATION: NICHT KOMPATIBEL?

NACHHALTIGKEIT UND DIE JUNGE GENERATION: NICHT KOMPATIBEL?

Pfaffenhofen (mh) Besser hätte der Start der Gesprächsabende 2013 im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht sein können: Die erste Diskussion von ProWirtschaft Pfaffenhofen im laufenden Jahr war mit 18 Teilnehmern die bislang bestbesuchte überhaupt und es waren auch einige neue Gesichter zu sehen. Doch egal ob „Stammgäste“ oder Neulinge: Alle sagten wieder offen ihre Meinung und die unterschiedlichen Standpunkte animierten dazu, noch stärker über Nachhaltigkeit nachzudenken und eigene Sichtweisen zu hinterfragen. Ein ganz wichtiger Aspekt der Diskussionen, den Dieter Andre immer wieder betont. Er hofft nun, dass auch dieser Abend nachhaltige Wirkung entfaltet und die Zahl Interessenten weiter steigt.

Gastgeber war diesmal der neue Schatzmeister von ProWirtschaft, Michael Stiglmayr, im Karosseriezentrum (Unfallinstandsetzung) des Pfaffenhofener Autohauses Stiglmayr in der Raiffeisenstraße. Ein originelles Ambiente für eine ungewöhnliche Veranstaltungsreihe von ProWirtschaft, deren Konzept heuer ein wenig überarbeitet wurde. Die wichtigste Neuerung: Zur Einführung in die Abende und als Grundlage für die anschließende Diskussion steht jeweils ein zehn- bis 15-minütiger Fachvortrag am Anfang.

Die ersten beiden Abende lautet das Thema „Hintergründe für die Notwendigkeit von Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Bei der ersten Diskussion 2013 beleuchtete Dieter Andre dabei die Geschichte des Begriffs Nachhaltigkeit und die Frage, was nachhaltige Entwicklung mit dem Lernen zu tun hat, etwas näher. Basierend auf den Lehrinhalten der Virtuellen Akademie Nachhaltigkeit von Prof. Dr. Gerd de Haan, Freie Universität Berlin (Institut Futur), den der stellvertretende PW-Vorsitzende als den „Nachhaltigkeits-Guru in Deutschland“ bezeichnete.

Nach der üblichen kurzen Vorstellungsrunde der Teilnehmer an der Diskussion und dem Hinweis auf den nächsten Termin (16. Mai) wies Dieter Andre darauf hin, dass Nachhaltigkeit heute zu einem Modewort geworden ist. Vielfach werde der Begriff aber nur aus wirtschaftlichen Interessen propagiert – ohne genau zu wissen, was er eigentlich bedeutet. Es sei einer der Schwerpunkte der Arbeit des Unternehmernetzwerks von ProWirtschaft, mit den Diskussionsabenden einer möglichst steigenden Zahl von Interessierten eine Plattform zu bieten, sich mit nachhaltiger Entwicklung näher zu befassen. Ein Begriff, der laut Andre als Schulfach „Zukunft“ heißen würde. Denn letztlich geht es um nicht mehr oder weniger als die Zukunft der Menschheit.

So viel heute auch über Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung geredet wird: Sie ist alles andere als eine moderne „Erfindung“, wie der stellvertretende PW-Vorsitzende weiter ausführte. Die Standarddefinition kann man bereits dem Brundtland-Bericht 1987 der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung entnehmen: Darin wird ein globales Entwicklungskonzept gefordert, das „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.

„Nachhaltiges Handeln …
— reduziert den ökologischen Fußabdruck (Footprint),
— steigert – für alle frei zugänglich – die Lebensqualität,
— fördert die Teilhabe an Entscheidungen und Gestaltungsprozessen (Handprint).“
Professor de Haan

Ursprung der Nachhaltigkeit geht zurück bis ins frühe 18. Jh.

Die Ursprünge des Begriffs Nachhaltigkeit liegen aber noch viel weiter zurück und finden sich in der Forstwirtschaft. 1713 machte sich bereits Hanß Carl von Carlowitz, der Leiter des sächsischen Oberbergamtes in Freiberg/Sachsen, bereits Gedanken über eine „… continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung …“ Bei Carlowitz standen Übernutzung nachwachsender Ressourcen, Besitzstandwahrung und  generelle Ressourceneinsparung im Mittelpunkt der Überlegungen. Dagegen waren zu seiner Zeit Probleme wie Verbrauch endlicher Ressourcen, Grenzen des Wachstums, Schadstoffbelastung oder globale Verteilungsgerechtigkeit noch kein Thema. Trotzdem sprach auch Carlowitz bereits von gewissen Minimalstandards für die armen Untertanen bezüglich Nahrung und Unterhalt.

Carlowitz verfasste weiter ein Lehrbuch zum richtigen Handeln, das sich nicht nur an Forstwirte wandte und als „Klassiker“ unter den Publikationen zur Nachhaltigkeit gesehen werden kann. Ähnlich wie der 1972 erschienene Bericht des Club of Rome zur Lage und Zukunft der Menschheit unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ von Meadows & Meadows. Wie Dieter Andre weiter erläuterte, setzten die Verfechter der Nachhaltigkeit früher mit düsteren Zukunftsprognosen und -szenarien vor allem auf „Schockwirkung“ nach dem Motto: „Das können wir nicht wollen, das muss verhindert werden.“

1992 verabschiedeten dann 178 Staaten auf der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro ein 359-seitiges Leitpapier mit entwicklungs- und umweltpolitischen Handlungsrichtlinien. Bekannt wurde das Aktionsprogramm als „Agenda 21“. Doch die Bilanz ist aus heutiger Sicht laut dem stellvertretenden Vorsitzenden von ProWirtschaft mehr als ernüchternd:

„Die Ziele der Agenda 21 sind zum größten Teil wirkungslos verpufft. Man hat deshalb versucht, einen neuen Ansatz zu entwickeln, und dabei entdeckt, dass die Bildung eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Ziele einer nachhaltigen Entwicklung spielt.“

4.000 Bildungseinrichtungen und nur 10 Mal Fach Zukunft

Laut Professor de Haan gebe es in Deutschland rund 4.000 Bildungseinrichtungen mit dem Fach Geschichte, aber nur 10 mit dem Fach Zukunft. Daraus ergebe sich ein wichtiger Ansatzpunkt. Der erste persönliche Schritt zur Bildung für nachhaltige Entwicklung sei jedoch, ein tieferes Interesse für dieses Thema zu entwickeln und „sich auf andere Ansichten einzulassen“, meinte Dieter Andre. An diesem Punkt komme die Hermeneutik ins Spiel, eine Theorie über das Verstehen, deren Wurzeln bis in die altindischen und -griechischen Lehren zurückgehen. Und man wisse heute auch, dass das Gehirn für Dinge, mit denen man sich intensiv beschäftigt, „zusätzlichen Speicherplatz zur Verfügung stellen kann“.

Wer also öfter zu den Diskussionsabenden komme, werde den Begriff Nachhaltigkeit immer besser verstehen und immer mehr Lehren daraus ziehen können. Damit leitete der stellvertretende PW-Chef zur allgemeinen Diskussion über, bei der in einem Punkt Einigkeit herrschte: Dass sich an Einstellung und Handlungsweisen der Menschen etwas ändern muss. „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ klinge dabei „sehr institutionalisiert“, meinte Petra Zauner. Man solle deshalb lieber ganz einfach „Zukunft“ sagen. Und man könne auch keine Änderungen verordnen. Vielmehr liege es an uns, unseren Kindern die richtigen Gedanken mitzugeben.

„Schocktherapie“ bringt genauso wenig wie Schulmeisterei

Nachhaltigkeit und die junge Generation – das kristallisierte sich im weiteren Verlauf des Abends als zentrales Thema heraus. Mehrfach kam die Beobachtung zur Sprache, dass die heutige Jugend und Nachhaltigkeit bislang offensichtlich nicht kompatibel seien. Stellt sich die Frage, wer das ändern kann (Schule, Elternhaus …) und mit welchen Mitteln. Nach Ansicht von Dr. Annette Hartmann bringt die frühere „Schocktherapie“ bei den Jugendlichen ebenso wenig wie schulmeisterliche Belehrungen. Nur wenn „Spaß und Lust“ mit dabei seien, könne man die jungen Menschen von heute für etwas interessieren. Vielleicht müsse man deshalb stärker auf Infotainment denn auf nüchterne Wissensvermittlung setzen. Letztlich werde man nur etwas erreichen, wenn außer dem Kopf „auch das Bauchgefühl mitspielt“.

Mehrere Diskussionsteilnehmer vertraten die Meinung, dass hier in erster Linie die Eltern gefordert sind, ihren Kindern das richtige Vorbild zu geben. Andreas Bögl zeigte sich überzeugt: „Unsere Kinder ändern ihr Verhalten nur dann, wenn wir ihnen das vorleben.“ Nicht die Schule sei also in erster Linie gefordert, sondern das Elternhaus. Petra Zauner pflichtete ihm hier bei: Die Bildung (für nachhaltige Entwicklung) lasse sich nicht institutionalisieren und man müsse sie trennen von der Wissensvermittlung in der Schule. Dr. Annette Hartmann war die Sache mit dem Vorbild dagegen „zu einfach gedacht“. Oft würde gerade das, was die Eltern vorleben, von den Jugendlichen am allerwenigsten angenommen.

Hans-Jürgen Kaschak beleuchtete, welche Werte wir haben und vermitteln. Stress und Druck im Job würden dabei über Konsum kompensiert und davon sei auch die Jugend stark beeinflusst. Einige Anwesende beklagten das zum Teil exzessive Konsumverhalten und den verbreiteten Egoismus, der im Widerspruch zu den Zielen der Nachhaltigkeit stehe. Hans-Albert Dralle nahm hier jeden Einzelnen in die Pflicht: „Wir sind alle die Verbraucher.“ Die Erfahrung zeige leider aber auch, dass ein Umdenken immer erst dann komme, „wenn wir am Abgrund stehen“. Nachhaltige Veränderungen habe es immer nur aus Notsituationen heraus gegeben, erklärte auch Ralf Ebertshäuser. Er steht allerdings, wie er offen aussprach, der weiteren Entwicklung äußerst pessimistisch gegenüber.

Studien: Exzessive Nutzung digitaler Medien macht krank

Als einziges wirksames Regulativ in Bezug auf das Konsumverhalten betrachtet Joachim Reuter den Preis. Der Verbraucher werde trotz des Wissens um die Endlichkeit der Ressourcen immer erst dann sensibel, „wenn es an seinen Geldbeutel geht“. Waltraud M. Braun brachte noch einen weiteren bedenklichen Aspekt in Zusammenhang mit dem Konsum- und Freizeitverhalten der jungen Generation ins Spiel. Es geben seriöse Studien über eine alarmierende Zunahme spezifischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen aufgrund der exzessiven Nutzung von Handys, Computern usw. Doch diese Erkenntnisse würden einfach ignoriert.

„Changeprozesse“ bräuchten einfach ihre Zeit, zeigte sich Joachim Reuter trotz allem zuversichtlich. Und: „Wir sind in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern schon relativ weit“ und die Gesellschaft hier sei zumindest teilsensibel. „Am Thema dran bleiben und nicht locker lassen“, lautete deshalb seine Empfehlung, die auch eine gute Überleitung zum Schlusswort von Dieter Andre war. Der stellvertretende PW-Vorsitzende betonte, das Thema habe nichts mit Verzicht zu tun. Die Wirtschaft stehe vielmehr vor der großen Herausforderung, künftige Technologien so zu gestalten, „dass es uns trotz Nachhaltigkeit gut geht“. Beispielsweise werde man sich gewiss auch in Zukunft komfortabel fortbewegen können, „nur nicht mit einem benzingetriebenen Fahrzeug“.

Andre bedankte sich für die rege Diskussion und kündigte an, die Anwesenden mit einigen Aussagen, die er mitgeschrieben hatte, bei den weiteren Abenden wieder zu konfrontieren. Alle dürfen also gespannt sein … Für weiteren Input hatte er abschließend noch eine Buchempfehlung. „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“ von dem Sozialwissenschaftler und Publizisten Prof. Dr. Meinhard Miegel (ISBN 978-3-8389-0076-6), besonders günstig zu beziehen über die Bundeszentrale für politische Bildung. Nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden ist dieses Werk eine „Pflichtlektüre“ für alle, denen die zukünftige Entwicklung am Herzen liegt und „die über Tag und Tellerrand hinausschauen“, wie es in dem Buch einleitend heißt.