NACHHALTIGKEIT: VORSCHLÄGE FÜR KONKRETE MASSNAHMEN

NACHHALTIGKEIT: VORSCHLÄGE FÜR KONKRETE MASSNAHMEN

Pfaffenhofen (mh) Die zentralen Gedanken und Aussagen des Vortrags von Professor Dr. Dr. Franz Josef Radermacher am 24.09.2012 in der Pfaffenhofener Kulturhalle wurden jetzt beim 6. Diskussionsabend von ProWirtschaft in diesem Jahr noch einmal aufgegriffen. Ob sie die Radermacher-Thesen nun teilten oder nicht: Absolut einig waren sich die Anwesenden, dass das Netzwerk der heimischen Wirtschaft mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperten einen guten Griff getan hatte. Und scheinbar sind seine Worte auf fruchtbaren Boden gefallen: Es wurde intensiv darüber diskutiert, welchen Beitrag jedes einzelne Unternehmen und ProWirtschaft für eine nachhaltige Entwicklung leisten könnten. Am Ende standen sogar zwei konkrete Vorschläge im Raum: Baumpflanzaktionen und die Schaffung eines eigenen Nachhaltigkeits-Gütesiegels.

Nach dem großen Interesse an der Veranstaltung mit Professor Radermacher war zur Nachbereitung seines Referats nur ein überschaubarer Kreis von 10 Teilnehmern zusammengekommen. Der Diskussionsfreudigkeit tat dies alles freilich keinen Abbruch. Die Positionen der Anwesenden waren dabei nicht immer einheitlich. Dr. Gerald Pöschl, der stellvertretende Schatzmeister von ProWirtschaft und Gesprächsleiter an diesem Abend, führte die „Fraktion“ derer an, die der weiteren Entwicklung mit großer Skepsis begegnen. Für ihn sei die Kernaussage Radermachers gewesen, so Dr. Pöschl, „dass wir ein globales Regelwerk brauchen, um die Probleme zu lösen“. Genau das hält der Jurist aber für kaum durchsetzbar.

Veränderungsprozess muss von unten nach oben gehen

In diesem Zusammenhang tauchte die Frage  auf, wer überhaupt ein solches Regelwerk verfügen könnte. Die Mehrzahl der Anwesenden war hier der Meinung (und hatte Professor Radermacher auch so verstanden), dass der erforderliche gesellschafts- und wirtschaftspolitische Veränderungsprozess eben nicht von oben verordnet sein darf, sondern sich von unten entwickeln müsse. Martin Bornemann räumte ein:

„Es ist heute das gängige Modell, dass oben einer sagt, wo es langgeht. Ich persönlich glaube aber nicht, dass sich damit die Zukunftsprobleme der Welt lösen lassen“.

ProWirtschaft-Vorsitzender Franz Böhm warf die Frage auf, warum die Fortschritte im Bereich Nachaltigkeit trotz der eindringlichen Warnungen von Experten wie Professor Dr. Radermacher bislang so gering sind. „Nimmt die Politik diese Leute nicht ernst und hört sie ihnen nicht zu?“

Die weitere Diskussion im theoretischen Teil des Abends drehte sich dann in erster Linie um die Frage, wie der Veränderungsprozess wohl überhaupt richtig in Gang kommen werde: aus Überzeugung und „Lust“ oder aus dem Schmerz eines Niedergangs heraus. So wie von Professor Radermacher in seinem Vortrag – Stichwort „Brasilianisierung“ – für den Fall vorherhergesagt, dass es nicht gelingt, ein globales Regelwerk durchzusetzen. Erste „Vorboten“ sieht Franz Böhm dafür bereits: zum Beispiel die Probleme in Spanien mit einer Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent oder das Staatsdebakel in Griechenland.

Für viele Menschen zählt in der heutigen Zeit nur noch das Hier und Jetzt

Als Hemmschuh für Veränderungsprozesse sahen mehrere Diskussionsteilnehmer den heute in unserer Gesellschaft verbreiteten Egoismus. Laut Theo Abenstein hätten sich „unsere Eltern“ noch von zwei elementaren Werthaltungen leiten lassen. Erstens: Es darf nicht mehr so sein wie es war. Und Zweitens: Unsere Kinder sollen es besser haben. Das sei heute – angesichts einer extrem hohen Zahl an Singles und immer stärkerer Auflösungserscheinungen des Familienverbunds – völlig anders. „Viele Menschen haben keine Veranlassung mehr, an die nächsten Generationen zu denken“, so Abenstein. Es zähle nur noch das Hier und Jetzt.

Zu kurzfristiges Denken sei auch eines der großen Probleme in der Politik,  erklärte Joachim Reuter. Aufgrund knapper Mehrheitsverhältnisse und weil die nächste Wahl immer im Hinterkopf sitze, drücke sich die Politik um die großen Probleme und notwendige, aber unpopuläre Entscheidungen herum. „Wir sind am Ende der Wachstumsgesellschaft“, meinte Reuter weiter. Die großen Reformen seien aber in den seltensten Fällen in den guten Zeiten zu Stande gekommen, sondern in Krisensituationen. Wobei Marianne Voit dem „Schmerz“ auch eine positive Seite abgewinnen kann: „Daraus kann auch eine enorme Motivation entwachsen.“ Sie wies noch darauf hin, dass sie im Coaching derzeit eine markante Zunahme der Sinn-Frage feststelle. Laut Reuter ebenfalls typisch für Zeiten, in denen die Wirtschaft (noch) boomt, und nicht für solche, „in denen es bereits ums Überleben geht“.

Baumpflanzaktionen und ein Nachhaltigkeits-Gütesiegel …

Soweit die theoretischen Überlegungen an diesem Abend, der schließlich in die Frage mündete, was man nun vor Ort tun kann, um den „beschworenen“ Veränderungsprozess zu unterstützen. „ProWirtschaft könnte doch Aktionen initiieren“, schlug Waltraud Braun vor. ProWirtschaft-Vorsitzender Franz Böhm stimmte ihr zu: „Vielleicht hat Professor Radermacher das eine Saatkorn gesät, das aufgeht“, so seine Hoffnung. Man müsse die Nachhaltigkeit noch viel stärker propagieren und überlegen, was man konkret unternehmen könne. Baumpflanzaktionen wären laut Radermacher ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz und durch sie könnte man auch dessen Ideen weitertragen, so Böhm. Martin Bornemann kündigte an, er persönlich werde versuchen, in seinen Beratungen künftig dem Thema Nachhaltigkeit einen noch weit höheren Stellenwert zu geben.

Theo Abenstein schlug vor, mit dem Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx im nächsten Jahr einen weiteren hochkarätigen Referenten zu holen und sich auch mit dessen Sichtweise auseinanderzusetzen. Doch bei solchen „Leuchtturm-Veranstaltungen“ alleine dürfe es nicht bleiben, waren sich die Anwesenden einig. Martin Bornemann stellte den Gedanken zur Diskussion, ob sich die Unternehmen im Netzwerk von ProWirtschaft nicht ein Regelwerk auferlegen könnten, um Nachhaltigkeit zu praktizieren – ganz offiziell mit Bewertungskatalog, Zertifizierung und eigenem Gütesiegel. Die Strukturen dafür könnte ProWirtschaft aufbauen, und zwar „möglichst einfach, spielerisch und pragmatisch“.Konkrete Vorschläge: Den Worten sollen auch Taten folgen.

Neuwahlen bei der kommenden Hauptversammlung

Ein überlegenswerter Ansatz, wie mehrere Diskussionsteilnehmer meinten. Theo Abenstein bot an, ein Papier zur Nachhaltigkeit unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten – ein von ihm erstelltes Protokoll einer Tagung – zur Verfügung zu stellen. „Das könnte das Jahresthema 2013. für ProWirtschaft sein“, meinte Abenstein. Der Vorsitzende Franz Böhm versprach, man werde im Vorstand über die Vorschläge und sinvolle Aktionen beraten. Denn wenn man wirklich etwas bewegen wolle, „muss man den Worten auch Taten folgen lassen“. Zunächst aber gilt die Aufmerksamkeit der Hauptversammlung von ProWirtschaft (voraussichtlich zu Beginn des neuen Jahres), bei der Neuwahlen anstehen.