SYSTEMWANDEL MUSS SICH AUF FÜNF EBENEN VOLLZIEHEN

SYSTEMWANDEL MUSS SICH AUF FÜNF EBENEN VOLLZIEHEN

Pfaffenhofen (mh) Spannenden „Voraus-Input“ für die diesjährige Großveranstaltung unseres Unternehmernetzwerks mit Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker am 20. November 2013 nahmen die Teilnehmer des vierten Diskussionsabends von ProWirtschaft im laufenden Jahr mit nach Hause. Die Grundlage für die angeregte Diskussion rund um Fragen von Wachstum, Nachhaltigkeit und beängstigenden Zukunftsprognosen bildeten dabei Auszüge aus dem aktuellen Buch „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“ von Jørgen Randers. Als Moderator des Abends erläuterte der stellvertretende ProWirtschaft-Vorsitzende die zentralen Aussagen des Buches.

Der Autor knüpft mit seiner Zukunftsvision an den ersten, weltweit bekannt gewordenen Bericht an den Club of Rome an. In „Die Grenzen des Wachstums“ kamen Meadows & Meadows bereits 1972 zu der Schlussfolgerung:

„Wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert, ist die Menschheit im Begriff, auf gefährliche Weise über die materiellen Grenzen unseres Planeten hinauszuwachsen.“

Diese Aussage beruhte damals – wie Dieter Andre erläuterte – auf der Erkenntnis, dass die Menschheit Zeit braucht, um jedes aus der Endlichkeit des Planeten entstehende dringende Problem zu identifizieren, um es zu akzeptieren, dass das Problem tatsächlich besteht, um es zu lösen und die entwickelte Lösung auch umzusetzen.

Dauerhafte „Grenzüberschreitung“ zerstört Lebensgrundlagen

Die Folgen einer anhaltenden „Grenzüberschreitung“ lassen sich anhand der Überfischung der Weltmeere besonders plastisch veranschaulichen. Wenn man immer so weitermacht, sind die Grundlagen irgendwann zerstört – sprich es gibt keine Fische mehr. Wenn eine Grenzüberschreitung einmal eingetreten ist, dann gibt es nur noch zwei Wege zurück auf die Ebene der Nachhaltigkeit: entweder gesteuerter Niedergang durch die geordnete Einführung einer neuen Lösung (Fisch aus Fischfarmen) oder Zusammenbruch (man isst keinen Fisch mehr, weil es keinen mehr gibt, und entzieht den Fischern damit die Lebensgrundlage, wie nach 1992 in Neufundland geschehen).

Mit anderen Worten: Die Grenzüberschreitung kann nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. Der Versuch führt zu (zunächst) unlösbaren Problemen. Gleichzeitig wird zwar die Motivation, neue Lösungen zu identifizieren und umzusetzen, deutlich erhöht, doch das geht nicht von heute auf morgen. Die Erarbeitung und Umsetzung neuer Lösungen ist ein langwieriger Prozess, der locker zehn Jahre und mehr dauern kann. Selbst wenn man also geraume Zeit vor der endgültigen Vernichtung der Grundlagen nach Lösungen zu suchen beginnt, ist das unter Umständen bereits zu spät. „Das war die eigentliche Botschaft von ,Grenzen des Wachstums’ von 1972“, leitete Dieter Andre zum neuen Buch „2052“ von Jørgen Randers über.

Zukunftsprognose mit vielen Fragezeichen

Dazu der Autor selbst: „… ich wollte ein Bild von genau der Zukunft, die die Menschheit in den 40 Jahren, die vor uns liegen, für sich gestalten wird, der Zukunft, die sich aus den menschlichen Entscheidungen, deren Qualität und Weisheit sehr gemischt sein werden, ergeben wird, der Zukunft, die am wahrscheinlichsten Wirklichkeit werden wird, der Zukunft, die irgendwann einmal in den Geschichtsbüchern stehen wird …“ Randers nennt vier Beweggründe für seinen Ausblick auf die Zukunft der Erde und der auf ihr lebenden Menschen. Seine Prognose werde …

1. jeden Leser und jede Leserin in die Lage versetzen, eine persönliche (und individuell vielleicht unterschiedliche) Antwort auf die Frage zu finden, ob es Grund gibt, sich Sorgen zu machen.
2. die Neugier befriedigen. Randers: „Nachdem ich mir nun schon so lange Sorgen um die Zukunft gemacht habe, möchte ich jetzt endlich wissen, wie sie tatsächlich aussieht. Ich glaube, auch viele andere sind neugierig auf das, was vor uns liegt.
3. von einigen Lesern dazu genutzt werden, gewinnträchtig zu investieren.
4. den gesellschaftlich stärker Engagierten bei der Beantwortung der Frage helfen, welche neue Strategien, Gesetzgebungsverfahren und gesellschaftlichen Institutionen bei der Schaffung einer besseren Zukunft die größte Wirkung haben werden, damit sie wissen, wo sie am besten ansetzen können.

Natürlich warf Diskussionsleiter Dieter Andre die Frage auf: „Ist eine Prognose über einen Zeitraum von 40 Jahren überhaupt möglich?“ Reine Vermutungen könnten ohne weiteren Background jederzeit angestellt werden. Von einer Prognose jedoch werde erwartet, „dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie stimmt, höher ist als die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht stimmt – im Idealfall erheblich höher“. Die Kritiker hätten jedenfalls nicht Recht, wenn es um die Vorhersage genereller Entwicklungen geht. „Rein technisch gesehen ist es in der Tat möglich, über Trends und Tendenzen Aussagen zu treffen, die in stabilen kausalen Rückkopplungsstrukturen innerhalb des globalen Systems verankert sind“, zitierte Dieter Andre den Autor. Nachhaltigkeits- und Zukunftsexperten fordern einen Systemwandel, der  fünf zentrale Problemfelder hat.

Das Ende des Kapitalismus:

Hier lautet die entscheidende Frage praktisch gesehen so: „Wird es genügend Arbeitsplätze geben?“ Bislang fördern die Regierungen das konventionelle Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), um Arbeitsplätze zu schaffen und Steuereinnahmen zu steigern. Damit unterstützen sie aktiv den Finanzkapitalismus.

Das Ende des Wirtschaftswachstums:

Es werde faktisch unmöglich sein, so Moderator Dieter Andre, den materiellen Lebendstandard aller Länder auf den aktuellen Standard der wohlhabenden westlichen Industriestaaten zu heben. Dazu fehlt es auf allen Ebenen an den erforderlichen Ressourcen. Diese Situation werde die Entwicklung von Lösungen „mit einem kleineren ökologischen Fußabdruck“ erzwingen. Und die reichen Staaten werden sich bereits im Abstieg befinden, bevor Asien ihr Konsumniveau erreicht.

Das Ende der „langsamen“ Demokratie:

Derzeit zeichnen sich demokratische Entscheidungsprozesse nicht gerade durch Dynamik und Schnelligkeit aus. Deshalb stellt sich die Frage, ob dies in Zukunft so bleiben kann, wenn die drängenden Probleme gelöst werden sollen. Heißt die Lösung folglich „Schnellere Demokratie durch stärkeren Staat?“

Das Ende der Eintracht zwischen den Generationen:

Wird die jüngere Generation die Lasten, die ihnen von der älteren Generation aufgebürdet werden, mit Gelassenheit akzeptieren? Oder kommt ein aggressiver und lähmender Konflikt zwischen Jung und Alt auf uns zu? Jørgen Randers glaubt: „Die neue Generation wird nicht einfach sang- und klanglos den Platz einnehmen, der für sie vorgesehen ist.“ Die Menschheit sei schließlich dabei, die Welt in einen für zukünftige Bewohner sehr viel weniger attraktiven Ort zu verwandeln.

Das Ende des stabilen Klimas:

Laut dem Autor von „2052“ ist die Frage nach der Generationengerechtigkeit – insbesondere in Bezug auf künftige Generationen – in drei Bereichen besonders offensichtlich: bei der Zerstörung von biologischer Vielfalt durch den Menschen, beim Klimawandel und beim Vergraben von radioaktivem Abfall. In allen drei Fällen werden die Folgen weit über die Lebenszeit heutiger Menschen hinaus spürbar sein. Jørgen Randers stellt fest: „Die Leute wissen das, aber es ist ihnen nicht in dem Maße bewusst, dass Politiker daraus die Macht ableiten könnten, wirklich etwas dagegen zu unternehmen.“

Im Anschluss entwickelte sich eine rege und spannende Diskussion, in deren Verlauf sich vier Fragen an Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker für den 20. November herauskristallisierten. Diese sind:

1. Welches politische System ist im Sinne der Nachhaltigkeit und der besseren Umsetzung ihrer Ziele das richtige?
2. Wo haben Sie sich in Ihrer Berufspraxis und Ihrem Berufsumfeld einmal geirrt, Ihre Meinung revidiert und eine andere Richtung eingeschlagen?
3. Wie kann das Thema Nachhaltigkeit so kommuniziert und transportiert werden, dass es zu einer globalen Bewusstseinsveränderung kommt?
4. Wie stellen Sie sich die zeitliche Umsetzung einer spürbaren Veränderung im Sinne der Nachhaltigkeit vor?