WEIZSÄCKER BEGEISTERT: DENKWÜRDIGER ABEND FÜR PROWIRTSCHAFT

WEIZSÄCKER BEGEISTERT: DENKWÜRDIGER ABEND FÜR PROWIRTSCHAFT

Pfaffenhofen (mh) Ein volles Haus, donnernder Applaus des hellauf begeisterten Auditoriums für einen mitreißenden Redner und eine faszinierende Persönlichkeit, dickes Lob von allen Seiten für ProWirtschaft: Bei der Veranstaltung mit Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker am 20. November im Stockerhof bestätigte der Zukunfts- und Nachhaltigkeitsexperte vor rund 300 Zuhörern mit jedem Wort den großen Ruf, der ihm vorausgeeilt war. Ob er nun über Klimaschutz sprach und als zentrale Forderung eine Steigerung der Ressourcenproduktivität und der Energieeffizienz um den „Faktor Fünf“ – so auch der Titel seines aktuellen Buches – in den Raum stellte oder vehement gegen das anglo-amerikanische Wirtschafts- und Menschenbild und die „fatalistische, menschenverachtende Ökonomie“ in den USA zu Felde zog.

Bereits eine gute Stunde vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung setzte der Besucherstrom ein. Und er riss auch noch nicht ab, als die 260 bestuhlten Plätze im Stockerstadl komplett besetzt waren. So musste zusätzlich die rückwärtige Galerie geöffnet werden. Schon bevor Professor von Weizsäcker die Bühne betrat, sah man bei den Organisatoren rundum zufriedene Gesichter. Doch am Ende des Abends strahlten sie geradezu. Der mitreißende Vortrag und die teilweise geradezu überschwänglichen Kommentare aus Besucherkreisen waren der Grund dafür.

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„Ich hätte diesem Mann stundenlang zuhören können …“ „Eine beeindruckende Persönlichkeit mit einem unglaublichen Wissen …“ „Einfach toll, was ProWirtschaft hier auf die Beine gestellt hat …“ „Hoffentlich gibt es weitere Veranstaltungen von diesem Format …“
Besucher des Vortrags

ProWirtschaft-Vorsitzender Franz Böhm hatte die Gäste herzlich willkommen geheißen und es in seinen Begrüßungsworten kurz gemacht. Schließlich warteten alle schon mit Spannung auf den Auftritt des renommierten Wissenschaftlers, den auch Abordnungen der Universitäten Ingolstadt und Eichstätt verfolgten. Böhm gab seiner großen Freude Ausdruck, mit Professor von Weizsäcker einen gefragten Experten in Pfaffenhofen zu haben, der sonst meist nur bei großen Kongressen und Tagungen vor internationalem Publikum spricht. Sein Dank dafür galt seinem Stellvertreter Dieter Andre, der es in seiner „unnachahmlichen Art“ erneut geschafft hatte, einen Topreferenten zu verpflichten. Dem Dank schloss sich – an die gesamte Führung von ProWirtschaft gerichtet – 3. Bürgermeisterin Monika Schratt als Vertreterin der Stadt Pfaffenhofen an.

Thema Nachhaltigkeitist  in den Medien täglich präsent

Der Referent sei eine „wichtige Geistesgröße“ und das Thema Nachhaltigkeit bei ProWirtschaft gut aufgehoben, erklärte Schratt. Dieter Andre nahm den Faden in seiner kurzen Einführung auf: In den Medien sei Nachhaltigkeit fast täglich in irgendeiner Form präsent, etwa in Berichten und Meldungen über Naturkatastrophen oder über soziale und wirtschaftliche Ausbeutung. Die Bildung für nachhaltige Entwicklung müsse deshalb weiter forciert werden, was natürlich Lernbereitschaft voraussetze. Sich mit den Prozessen auseinandersetzen, verstehen und dann handeln – das möchte der stellvertretende Vorsitzende bewirken und ProWirtschaft bietet die Plattform dafür. Neben der Großveranstaltung einmal pro Jahr wie Andre auf die regelmäßigen Diskussionsabende hin. Der letzte für dieses Jahr findet am Donnerstag, 28. November, mit einer Nachbetrachtung des Weizsäcker-Vortrags statt.

„ProWirtschaft und Pfaffenhofen haben in Sachen Nachhaltigkeit einen sehr guten Ruf. Deshalb bin ich gerne gekommen.“

Das waren die ersten Worte von Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker. Nach einigen Erläuterungen zu den beiden Organisationen, bei denen er aktuell Ko-Präsident ist – Club of Rome und International Resource Panel –, widmete sich von Weizsäcker der globalen Situation beim Klimaschutz. Die Folgen der globalen Erwärmung seien offenkundig, so der Referent, aber trotzdem gebe es „Besserwisser“, die behaupten, dass die Klimaveränderung nicht existiert. Das Hauptproblem sei derzeit die Aufheizung der Ozeane, die bereits in einen kritischen Bereich vorgedrungen und der Grund für die Zunahme zerstörerischer Wirbelstürme sei. Von Weizsäcker: „Die Katastrophe auf den Philippinen war deshalb – nüchtern betrachtet – die logische Folge der Ozeanerwärmung.“

USA gehört zu den großen Blockierern in der Klimapolitik

Ungeachtet der Tatsachen stagniere die Klimapolitik jedoch seit der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen. Zu den großen Blockierern gehörten die USA und nur in Europa habe es letztlich Fortschritte gegeben. Das große Problem liege darin, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf eine Parallele mit dem CO2-Ausstoß pro Kopf bilde. Dadurch entstehe eine Mikado-Situation: „Wer sich zuerst bewegt, meint, er habe verloren.“ Das erinnere ihn, so der Referent, „an die Frühzeit des Umweltschutzes, als die Devise hieß: entweder Arbeit oder Umwelt“. Aus arm und sauber sei damals reich und schmutzig geworden. Doch dann habe eine wirtschaftsfreundliche Umweltpolitik eingesetzt „und am Ende waren wir reich und sauber“. Für diese Entwicklung gibt es einen Fachbegriff: die Kuznets-Kurve“ nach Simon Smith Kuznets, einem US-amerikanischen Ökonom russisch-jüdischer Herkunft. Professor von Weizsäckers Folgerung und Forderung:

„Klimaschutz heißt also Ausbruch aus der alten Logik – und eine neue Kuznets-Kurve der CO2-Vermeidung. Wenn sieben Milliarden Menschen auf der Erde ökologische Fußabdrücke wie die US-Amerikaner hätten, dann bräuchten wir fünf Erdbälle.“

Wir haben aber nur den einen … Seine Zukunftsformel lautet deshalb: hoher Human Development Index, kleiner ökologischer Fußabdruck. Die Lösung sieht der Nachhaltigkeits- und Entwicklungsexperte dabei nicht in einem weiteren massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien. Er machte vielmehr folgende Rechnung auf:

„Wenn die reichste Milliarde Erdbewohner 20 Prozent Erneuerbare Energien erreicht, wäre das ein Fünfunddreißigstel des Bedarfs von sieben Milliarden Menschen. Und jetzt stellen wir uns einmal eine Verfünfunddreißigfachung der heutigen Maisplantagen, Windkraft, Wasserkraft, Sonnenenergie usw. vor. Ein ökologischer Albtraum!“

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Energie- und Ressourcenproduktivität verfünffachen

Wie ist das große Zukunftsproblem Klima- und Ressourcenschutz dann aber zu lösen? Von Weizsäcker gab die Antwort auf diese zentrale Frage: „Durch eine weitere technische Revolution und einen neuen Kondratjett-Zyklus“, mit dem die Mikado-Situation in den First Movement Advantage umgewandelt werde. Als großes Ziel definierte der Wissenschaftler: „Verfünffachung der Energie- und Ressourcenproduktivität“, verbunden mit einem Kürzertreten bei der Arbeitsproduktivität. Oder auf einen kurzen Nenner gebracht „Faktor Fünf“ – so der Titel seines aktuellen Buches (gemeinsam mit Karlson Hargroves und Michael Smith) als Bericht an den Club of Rome.

Realistisches Ziel oder nur die „blanke Illusion“? Für Professor von Weizsäcker natürlich ersteres: Die Lösung sieht er in einer Steigerung der Energieeffizienz, für die es noch gewaltiges Potenzial gebe. Er nannte nur ein paar Beispiele: neue, verbrauchsarme Autotypen, Passivhäuser, energetische Altbausanierungen, Verbesserungen im öffentlichen Personennahverkehr, Ausweitung des Recyclings, mehr Materialeffizienz und generell ein Umdenken in vielen Bereichen unserer Lebens-, Einkaufs- und Ernährungsgewohnheiten. Professor von Weizsäcker begrüßte es in diesem Zusammenhang sehr, dass das Thema Energieeffizienz dank der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auch Gegenstand der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD ist. Allerdings wies der Referent auch auf den so genannten „Rebound-Effekt“ hin:

„Dadurch sind in der Vergangenheit alle Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum wieder aufgefressen worden. Es reicht deshalb alleine nicht aus, die Energieeffizienz zu erhöhen. Wir müssen auch lernen, unsere Gier zu zügeln.“

Die zweite unbequeme Botschaft des Referenten war, dass der Rebound- oder Bumerang-Effekt fast immer mit sinkenden Energie- und Rohstoffpreisen einhergegangen ist. Diese seien in den letzten 200 Jahren – gemessen an anderen Gütern – gesunken und heute streng genommen zu billig.

An diesem Punkt seines Vortrags schwenkte Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung über. Das gleichnamige UNESCO-Programm habe das Kernziel, „die Lerninhalte über die begrenzte Erde und die nötige Umwelt- und Ressourcenschonung in Schulcurricula zu bringen“ und auf Basis von Fakten eine Verhaltensänderung zu bewirken. Statt einer Wiederholung des Programms erinnerte der Referent seine Zuhörer an die Anfänge der deutschen Bildungs- und Hochkultur und an die Antrittsrede des damals 30-jährigen Friedrich Schiller 1789 in Jena, als er sagte: „Wo der Brotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist.“ Nach heutiger Sprechart sei das der Aufruf zur Interdisziplinarität und eine Distanzierung von der verschulten, bedarfsorientierten Disziplinarität.

Kritik an „Bologna-Reform“ und am Bachelor-/Mastersystem

Heute aber gelte die „Bologna-Reform“, also der konsekutive Aufbau, die internationale Vergleichbarkeit und die (theoretische) Mobilität und Kombinierbarkeit. Genau daran macht er seine Kritik am aktuellen Bachelor- und Master-System fest, das konträr zur nachhaltigen Entwicklung laufe. Von Weizsäcker: „Die Erforschung und Lehre der Nachhaltigkeit muss fachübergreifend sein, die Wertehierarchie der deutschen Forschungslandschaft durchbrechen, praxis- und politiknah sowie international sein“ – gemäß den Idealen eines Wilhelm von Humboldt. Besonders scharf kritisierte er „eine Wirtschaftswissenschaft, die behauptet, die Märkte seien die Lösung und der Staat das Problem sowie eine Sozialwissenschaft, die sich politikfern auf das Parametrisieren von Gerechtigkeit oder Frauenrolle einengen lässt“.

Auch die „Zielhierarchie“ von Deutscher Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat, die nur auf Publikationen in amerikanischen Peer Review Zeitschriften ausgerichtet sei, nahm er ins Visier. An einem Beispiel hielt er seinen Zuhörern vor Augen, was dieses System für seltsame Blüten treibt bzw. pseudo-wissenschaftliche Abhandlungen „produziert“. Professor von Weizsäcker forderte weiter eine Abkehr vom anglo-amerikanischen Wirtschafts- und Menschenbild, das im Gegensatz zu Nachhaltigkeit und Humboldt’scher Bildung stehe.

„Wirtschaft ist alles, der Staat ist nichts. Die Reichen werden immer reicher und die Armen können auf der Strecke bleiben. Das ist die „fatalistische und menschenverachtende“ Denkweise in der US-Ökonomie“.

Man müsse sich deshalb – und hier sei auch der Staat mit entsprechenden Reglementierungen gefordert – vom Diktat der Finanzmärkte befreien. An den Pranger stellte Professor von Weizsäcker in diesem Zusammenhang das System der Quartalsberichte bei den großen Wirtschaftsunternehmen, das ausschließlich der Aktienspekulation und Gewinnmaximierung diene. Unternehmenskultur und -werte seien hier längst über Bord geworfen. Anders in Europa und ganz besonders in den deutschen Familienunternehmen.

Der Referent gab in diesem Zusammenhang seiner Bewunderung über die mutige, vorbildhafte und nachhaltige Aktion von Unilever-Chef Paul Polman Ausdruck, der 2009 die Vierteljahresberichte für sein Unternehmen abgeschafft hat. Das habe an der Börse zunächst vernichtende Kommentare und deutlichen Kursverluste hervorgerufen, doch in der Folge habe sich der Aktienwert verdoppelt.

Seine Hoffnungen für die Zukunft setzt Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit in eine Allianz zwischen Europa und Asien, die auch die USA in Zugzwang bringen würde. Erste Anzeichen dafür gebe es bereits, so der Referent. Wenn Deutschland zudem entschlossen den Weg einer nachhaltigen Wirtschaft mit der beschriebenen Effizienzrevolution gehe, könne man zuversichtlich in die Zukunft blicken: „Dann werden wir die Gewinner der ersten Bewegung sein“ – der First Mover Advantage. Mit seiner Schlussbotschaft holte der Referent seine Zuhörer ebenso ab wie mit dem gesamten Vortrag und dafür erhielt er lange anhaltenden Applaus. Das war aber noch längst nicht das Ende der Veranstaltung: Es wurden noch viele Fragen an den Referenten gestellt, die er fast eine Stunde lang geduldig beantwortete – und dabei nochmals mit seinem schier unerschöpflichen Fachwissen beeindruckte.

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Weizsäcker-Bücher im Handumdrehen vergriffen

Anschließend nahm Professor von Weizsäcker am „Büchertisch“ Platz. Eigentlich ist sein aktuelles Buch „Faktor Fünf“ derzeit vergriffen und die neue Auflage noch  in Arbeit. Der Referent quittierte es deshalb mit freudiger Verwunderung, dass die Buchhandlung Kilgus trotzdem noch 21 Exemplare aufgetrieben hatte. Diese waren natürlich im Handumdrehen ausverkauft und wurden von Professor von Weizsäcker signiert. Gute Kunde für alle, die leer ausgegangen sind: Die Buchhandlung Kilgus in Pfaffenhofen (Auenstraße) nimmt Vorbestellungen gerne entgegen.

Die letzte „Etappe“ des Besuchs von Professor von Weizsäcker war – trotz vorgerückter Stunde – noch eine kleine Diskussionsrunde im Kreise des Vorstands von ProWirtschaft. Erst spät verabschiedete er sich dann in Richtung Moosburger Hof. Anke und Sven Tweer, die Betreiber des Hotels und Mitglieder bei ProWirtschaft, gaben ihm dort freie Logis und entlasteten damit die ProWirtschaft-Kasse. Vorsitzender Franz Böhm bedankte sich auch für diese Unterstützung und vor allem natürlich bei den Sponsoren: Sparkasse Pfaffenhofen, Hechinger Bau Pfaffenhofen, dm-Drogeriemarkt Pfaffenhofen, Trend Immobilien Pfaffenhofen, ecoQuartier Pfaffenhofen und Stadt Pfaffenhofen.